Ein Modell aus der Physik zeigt: Ab einer Ausgabenschwelle von rund 1,8 Millionen US-Dollar kippen US-Kongresswahlen in ein strukturelles Patt. Mehr Wahlkampfgelder entscheiden dann keine knappen Rennen mehr, sie befeuern stattdessen die Polarisierung.

[Wien, 13.05.2026] US-Präsidentschaftswahlen enden regelmäßig mit einem Kopf-an-Kopf-Rennen. Im Jahr 2000 betrug der Vorsprung beim Popular Vote 0,5 Prozentpunkte, 2016 waren es 2,1 und 2024 1,5 Prozentpunkte. Die Frage nach dem Warum wird seit Jahrzehnten diskutiert. In einer neuen Studie haben die Forschenden Jan Korbel, Remah Dahdoul und Stefan Thurner vom Complexity Science Hub (CSH) möglicherweise eine strukturelle Antwort gefunden – eine, die mit der Physik von Phasenübergängen zu tun hat.
Das Team hat ein Modell aus der statistischen Physik auf parteiübergreifende Wahlen angewendet und es an 6.357 Wahlkämpfen um Sitze im US-Repräsentantenhaus kalibriert, die sich über 435 Wahlkreise sowie 21 Wahlzyklen von 1980 bis 2020 erstrecken. Ihre Ergebnisse erschienen in Physical Review Letters.
Das zentrale Resultat: Es gibt eine kritische Ausgabenschwelle von rund 1,8 Millionen US-Dollar (in Dollar von 2020) pro Wahlkampf. Unterhalb dieser Schwelle prägen soziale Netzwerke das Ergebnis. Wer mehr ausgibt, hat einen Vorteil – aber lokale Gemeinschaften spielen eine Rolle. Korbel erklärt: „Wenn beide Parteien weniger als die kritische Schwelle von rund 1,8 Millionen US-Dollar ausgeben, dominieren soziale Netzwerke: Wie Wähler:innen mit Nachbar:innen, Freund:innen und Familie interagieren, mit wem sie am Arbeitsplatz sprechen – all das prägt das Ergebnis. Wer mehr Geld ausgibt, ist im Wahlkampf im Vorteil, aber die Dynamik innerhalb der Gemeinschaft ist wichtig“.
Wenn eine Partei die Schwelle überschreitet und die andere nicht, verschafft sich die besser finanzierte Kampagne einen großen, systematischen Vorsprung. Ihre Botschaften übertönen das soziale Gefüge.
„Wenn jedoch beide Parteien mehr als 1,8 Millionen US-Dollar ausgeben, wird der soziale Einfluss vernachlässigbar. Knappe Rennen tendieren systematisch zu einem Unentschieden, und zusätzliche Ausgaben ändern daran kaum noch etwas“, erklärt Thurner. Die Polarisierung in der Gesellschaft nimmt jedoch zu. Jenseits dieser Schwelle kommt es weniger zur Überzeugung neuer Wähler:innen als vielmehr zur Mobilisierung bereits überzeugter Anhänger:innen, so die Autor:innen.
PHYSIK TRIFFT AUF POLITIK
Das verwendete Modell entspricht mathematisch jenem, das Physiker:innen zur Beschreibung von Magneten einsetzen. Darin richtet sich jedes Atom entweder nach oben oder nach unten aus – je nachdem, welche Kräfte auf es einwirken. Im politischen Modell steht jede:r Wähler:in für ein solches Atom, mit einer binären Präferenz: demokratisch oder republikanisch. Zwei konkurrierende Kräfte bestimmen diese Ausrichtung: die Wahlkampfkommunikation der Partei einerseits und das lokale soziale Umfeld andererseits.
Entscheidend ist das Verhältnis dieser beiden Kräfte zueinander. In der Physik gibt es Punkte, an denen ein System seinen Charakter grundlegend ändert, sogenannte Kipppunkte – etwa wenn Wasser zu Eis wird. Dieser Übergang geschieht nicht allmählich, sondern abrupt, sobald eine bestimmte Temperaturschwelle unterschritten wird. Genau diese Dynamik beobachten die Forschenden auch im Wahlkampf: Sobald beide Kampagnen die kritische Ausgabenschwelle überschreiten, kippt das System. Der soziale Einfluss wird verdrängt, die Parteizugehörigkeit dominiert – und das Rennen nähert sich einem 50:50-Ergebnis an.
DER AMTSVORTEIL, QUANTIFIZIERT
Das Modell liefert auch eine neue Perspektive auf ein gut dokumentiertes Phänomen: den Amtsvorteil. Im mittleren Ausgabenbereich sagt das Modell eine sogenannte Hysterese-Zone voraus – einen Bereich, in dem das Ergebnis nicht davon abhängt, wer heute mehr ausgibt, sondern davon, wer den Sitz zuvor innehatte. Amtsinhaber:innen nehmen die „Erinnerung“ des Systems mit in den nächsten Wahlzyklus.
Die Forschenden haben diesen strukturellen Vorteil beziffert: Selbst wenn ein:e amtierende:r Kandidat:in nichts ausgibt, muss ein:e Herausforder:in rund 140.000 USD investieren, allein um den grundlegenden Amtsvorteil zu neutralisieren. Gibt die amtierende Person rund 900.000 US-Dollar aus, beträgt der Nachteil der herausfordernden Person immer noch etwa 20 Prozent der gesamten Wahlkampfkosten als Folge der Phasenstruktur des Systems – unabhängig von individuellen Qualitäten oder den diskutierten Themen.
Die Forschenden haben diesen strukturellen Vorteil beziffert: Selbst wenn ein:e amtierende:r Kandidat:in nichts ausgibt, muss ein:e Herausforder:in rund 140.000 USD investieren, allein um den grundlegenden Amtsvorteil zu neutralisieren. Gibt die amtierende Person rund 900.000 US-Dollar aus, beträgt der Nachteil der herausfordernden Person immer noch etwa 20 Prozent der gesamten Wahlkampfkosten als Folge der Phasenstruktur des Systems – unabhängig von individuellen Qualitäten oder den diskutierten Themen.
EIN WETTRÜSTEN, DAS ALLE SCHLECHTER STELLT
Betrachtet man die Entwicklung über vier Jahrzehnte, blieb der Anteil der Wahlkämpfe, bei denen beide Seiten die kritische Schwelle überschritten, lange relativ niedrig. In den Wahljahren 2018 und 2020 stieg dieser Anteil sprunghaft an. Die Forschenden sehen darin ein Indiz für verstärkte politische Polarisierung – weisen aber ausdrücklich darauf hin, dass dieser Befund auf Modellprognosen beruht und weiterer empirischer Bestätigung bedarf.
Aus theoretischer Sicht beschreiben die Ergebnisse eine Art kollektives Dilemma: Für einzelne Kampagnen besteht ein rationaler Anreiz, mehr auszugeben – niemand will als Einzige:r unterhalb der 1,8-Millionen-Dollar-Marke bleiben. Das kollektive Ergebnis ist jedoch ein Wettrüsten, das alle gesellschaftlich schlechter stellt: Die soziale Kohäsion in den Wahlkreisen nimmt ab, während das Wahlergebnis sich kaum verändert.
„Steigende Wahlkampfausgaben könnten einer der Mechanismen sein, die den weltweiten Anstieg der Polarisierung vorantreiben. Geringfügige Ausgabensteigerungen können große systemische Auswirkungen haben – und diese Erkenntnisse könnten für die Regulierung der Wahlkampffinanzierung von unmittelbarer Bedeutung sein", so die Autor:innen.
WAS BEDEUTET DAS FÜR EUROPA?
Die Studie stützt sich auf Wahlen zum US-Repräsentantenhaus, wo Datenverfügbarkeit und Vergleichbarkeit besonders günstig sind: Jahrzehnte von Finanzierungsdaten auf Kandidat:innen-ebene, ein Zweiparteiensystem, Hunderte vergleichbarer Wahlkreise. In den meisten europäischen Demokratien fehlen diese Voraussetzungen. Aggregierte Parteifinanzen, unterschiedliche Wahlsysteme und die Vielzahl relevanter Parteien erschweren direkte Vergleiche erheblich.
Dennoch halten die Forschenden eine Übertragung des Modells für grundsätzlich möglich – und politisch relevant. Das Modell selbst, merken die Forschenden an, geht weit über den US-amerikanischen Kontext hinaus: Die beschriebene Phasenübergangsdynamik ist nicht auf das amerikanische System zugeschnitten, sondern tritt überall dort auf, wo zwei Kampagnen um die Gunst derselben Personengruppe konkurrieren.
Service
ÜBER DIE STUDIE
Die Studie "Empirical Validation of the Polarization Transition in a Double-Random Field Model of Elections“ von J. Korbel, R. Dahdoul und S. Thurner wurde in Physical Review Letters veröffentlicht (doi: 10.1103/9gjj-1df6).
ÜBER DEN COMPLEXITY SCIENCE HUB
Der Complexity Science Hub (CSH) ist Europas wissenschaftliches Zentrum zur Erforschung komplexer Systeme. Wir übersetzen Daten aus einer Reihe von Disziplinen – Wirtschaft, Medizin, Ökologie, Sozialwissenschaften – in anwendbare Lösungen für eine bessere Welt. Gegründet im Jahr 2016, forschen heute über 70 Wissenschafter:innen am CSH, getragen von der wachsenden Notwendigkeit für ein fundiertes Verständnis der Zusammenhänge, die unserer Gesellschaft zugrunde liegen – vom Gesundheitswesen bis zu Lieferketten. Mit unseren interdisziplinären Methoden entwickeln wir die Kompetenzen, um Antworten auf heutige und zukünftige Herausforderungen zu finden.
Mitglieder des CSH sind AIT Austrian Institute of Technology, BOKU University, Central European University (CEU), IT:U Interdisciplinary Transformation University Austria, Medizinische Universität Wien, TU Wien, TU Graz, Universität für Weiterbildung Krems, Vetmeduni Wien, WU (Wirtschaftsuniversität Wien) und Wirtschaftskammer Österreich (WKO).
csh.ac.at
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