Hitzewellen verändern das Geschehen in Österreichs Krankenhäusern: Insgesamt werden weniger Menschen stationär aufgenommen, gleichzeitig steigt jedoch die Zahl der Todesfälle im Krankenhaus. Besonders betroffen sind ältere Menschen. Das zeigen Forschende des Complexity Science Hub anhand von historischen Gesundheits- und Wetterdaten und Modellrechnungen, die sie in einer interaktiven Visualisierung veranschaulichen.
[Wien, 03.09.2026] Österreich blickt auf einen beispiellos heißen Sommer zurück. In den letzten Jahrzehnten sind Hitzewellen häufiger, intensiver und länger geworden.
Wie beeinflussen Hitzeperioden das Geschehen in Krankenhäusern? Dieser Frage sind Forschende am Complexity Science Hub (CSH) nachgegangen, in Zusammenarbeit mit dem Austrian Institute of Technology (AIT), dem Wetterdienst UBIMET sowie weiteren Projektpartnern. Zum einen untersuchte das Team historische Wetterdaten (2007-2019), nämlich wie viele Hitzetage (Tageshöchstwert über 30°C) es jeweils in den vergangenen zwei Wochen gegeben hat. Zum anderen analysierten sie Gesundheitsdaten – alle stationären Krankenhausaufenthalte in Österreich zwischen 2007 und 2019. Dann verknüpften die Forschenden die Daten, um mehr darüber herauszufinden, wie sich zunehmende Hitze auf die Zahl der Krankenhausaufnahmen und auf das Sterberisiko im Krankenhaus auswirkt.
Anschließend übertrugen die Forschenden diesen Zusammenhang auf die kommenden Jahrzehnte und berechneten für zwei verschiedene Klimaszenarien – eines mit hohen und eines mit niedrigen Emissionen ‒ welche Auswirkungen die zunehmende Hitze bis 2075 haben könnte.
Für alle 32 Versorgungsregionen, nach denen die Gesundheitsversorgung und -planung in Österreich unterteilt ist, ergaben sich zwei zentrale Ergebnisse: Bei Hitzewellen – das heißt, wenn mehrere Tage über 30°C direkt oder in kurzen Abständen aufeinanderfolgen – werden einerseits weniger Menschen stationär aufgenommen. Gleichzeitig erhöhen Hitzewellen das Risiko, im Krankenhaus zu sterben. „Mit einer alternden Bevölkerung nimmt diese Verwundbarkeit weiter zu ‒ wenn Hitzetage häufiger werden, kann die gesundheitliche Belastung weiter steigen“, sagt Katharina Ledebur, Postdoc am CSH. „Unsere Berechnungen sind keine Vorhersage, sondern zeigen, wie sich die Belastung unter unterschiedlichen Annahmen zu Klima und Bevölkerung entwickeln könnte. Das kann dabei helfen, Hitzeschutz und Gesundheitsversorgung gezielt auf besonders betroffene Gruppen und Regionen auszurichten.“
Zusammen mit CSH-Datenvisualisiererin Liuhuaying Yang entwickelte das Team die interaktive Visualisierung „Hitze und Gesundheit in Österreich“, die die Zusammenhänge sowie Zukunftsprojektionen veranschaulicht.

DIE WICHTIGSTEN ERGEBNISSE
Mehr Hitze, aber große regionale Unterschiede: Die Visualisierung zeigt die Zahl der Hitzetage (Tage mit einer Höchsttemperatur über 30 °C) für jede Zelle eines österreichweiten Rasters mit etwa einem Kilometer räumlicher Auflösung in Österreich von 2025 bis 2075. In einem Szenario mit weiterhin hohen Treibhausgasemissionen könnte sich die prognostizierte Zahl bis 2070 im Vergleich zu heute mehr als verdoppeln.
Mehr Todesfälle im Krankenhaus: Basierend auf verschiedenen Klimaszenarien berechneten die Forschenden, wie sich die Dynamik der stationären Aufnahmen und Todesfälle im Krankenhaus bis 2075 entwickeln könnte. In Szenarien ohne nennenswerten Klimaschutz könnte die Zahl der zusätzlichen Todesfälle (Übersterblichkeit) im Krankenhaus während Hitzewellen im Schnitt um 50 % steigen.
Mehr Todesfälle im Krankenhaus: Basierend auf verschiedenen Klimaszenarien berechneten die Forschenden, wie sich die Dynamik der stationären Aufnahmen und Todesfälle im Krankenhaus bis 2075 entwickeln könnte. In Szenarien ohne nennenswerten Klimaschutz könnte die Zahl der zusätzlichen Todesfälle (Übersterblichkeit) im Krankenhaus während Hitzewellen im Schnitt um 50 % steigen.
Ältere Menschen sind besonders betroffen: Im Zeitraum 2025-2035 entfallen rund 83 % der modellierten hitzeassoziierten zusätzlichen Todesfälle im Krankenhaus auf Menschen ab 65 Jahren. Doch auch Menschen zwischen 45 und 65 Jahren sind bereits deutlich gefährdeter als jüngere.
Die Ballungszentren und der Osten im Fokus: Besonders hoch ist die prognostizierte Übersterblichkeit in den stark von Hitze betroffenen Gebieten. Das sind der Osten Österreichs sowie alle Ballungszentren – dort, wo laut Bevölkerungsprognosen im Jahr 2070 auch die meisten älteren Menschen leben werden. Dieses Muster zeigt sich bereits für den Zeitraum 2025-2035 und würde sich bis 2070 kontinuierlich verstärken. Bereits jetzt entfallen besonders viele zusätzliche Todesfälle auf den Osten: „Für 2025–2035 zeigen die Berechnungen im jährlichen Mittel rund 39 hitzeassoziierte zusätzliche Todesfälle im Krankenhaus in Wien, rund 27 in Niederösterreich und rund 14 in Oberösterreich. Zusammen entspricht das etwa 82 % des österreichweiten modellierten Werts“, erläutert Ledebur.
Weniger Aufnahmen: Die Berechnungen zeigen, dass die Gesamtzahl der stationären Aufnahmen tendenziell stärker zurückgeht, je mehr Hitzetage innerhalb der vorangegangenen 14 Tage auftreten. Das gilt jedoch nicht für alle Diagnosegruppen: Bei einigen Erkrankungen nehmen die Aufnahmen zu. „Der Rückgang der Gesamtzahl bedeutet daher nicht automatisch eine geringere gesundheitliche Belastung“, sagt Ledebur. „Mögliche Erklärungen sind ein verändertes Verhalten und eine veränderte Inanspruchnahme medizinischer Versorgung während heißer Perioden. Gleichzeitig verändert sich die Zusammensetzung der Krankenhausfälle. Welche Mechanismen den Rückgang verursachen, können wir anhand der verfügbaren Daten jedoch nicht bestimmen.“
Der Effekt längerer Hitzeperioden: Bei zwei Wochen mit täglichen Höchsttemperaturen über 30 °C zeigen die Berechnungen österreichweit 4,6 % weniger Krankenhausaufnahmen, gleichzeitig aber 22,3 % mehr Todesfälle im Krankenhaus. Bei fünf Hitzetagen innerhalb eines 14-Tage-Fensters zeigen sich 3,5 % weniger Aufnahmen und 4,4 % mehr Todesfälle.
Konsequenter Klimaschutz könnte hitzeassoziierte Todesfälle im Krankenhaus deutlich reduzieren: Im emissionsarmen Zukunftsszenario bleibt die modellierte Zahl zusätzlicher Todesfälle im Krankenhaus bis 2070 vergleichsweise stabil. Für den Zeitraum 2065–2075 liegt sie rund 65 Prozent niedriger als im Szenario mit weiterhin hohen Emissionen.
Anstieg bestimmter Diagnosen bei Hitze: Der Zusammenhang zwischen Hitze und Sterblichkeit im Krankenhaus unterscheidet sich auch nach Diagnose. Besonders ausgeprägt ist er bei bestimmten Infektions-, Atemwegs- und neurologischen Erkrankungen. Die Analyse erfasst dabei die Diagnosen des Krankenhausaufenthalts, nicht die individuelle Todesursache.
Auch Begrünung macht einen Unterschied: Für Wien untersuchten die Forschenden, wie sich Begrünungsszenarien auf die Dynamik auswirken. Laut den Berechnungen würde schon eine mittlere zusätzliche Begrünung – entsprechend einer Entsiegelung von 11,6 km² – die Zahl der Hitzetage zwischen 2055 und 2065 im Schnitt um 1,2 Tage senken, in einzelnen Stadtteilen um bis zu 14,5 Tage, sagt Ledebur: „Für 2065–2075 läge die modellierte Zahl zusätzlicher Todesfälle im Krankenhaus dann um rund 4 % niedriger.“ Je mehr Entsiegelung, desto größer der Effekt.
Die Gesundheitsvorhersagen unterliegen einer wichtigen Einschränkung: Die den Berechnungen zugrundeliegenden Daten stammen aus den Jahren 2007-2019. Doch seitdem wurden extreme Hitzetage bis zu 40°C deutlich häufiger. „Es könnte daher sein, dass unsere Modellierung die Hitzebelastung und die damit verbundene Übersterblichkeit im Krankenhaus erheblich unterschätzt“, sagt Ledebur.
„Generell sind die beobachteten Effekte umso stärker, je mehr Hitzetage in einem 14-Tage-Fenster vorkommen“, sagt Peter Klimek, der am CSH die Forschungsgruppe „Healthcare & Medicine“ leitet. „Da wir wegen des Klimawandels öfter mit längeren Hitzeperioden rechnen müssen, verdeutlichen unsere Ergebnisse die Bedeutung von Anpassungsmaßnahmen.“
Zum Thema Klimaanlagen sagt Katharina Ledebur: „Unsere Daten enthalten keine Angaben dazu, welche Krankenhäuser klimatisiert sind. Wir sehen jedoch auch vermehrte Todesfälle am ersten Tag der Aufnahme. Ein Teil der gesundheitlichen Belastung dürfte daher bereits vor der Aufnahme entstehen. Klimatisierung ist wichtig, kann aber nur ein Teil eines umfassenderen Hitzeschutzes sein.“

Die Visualisierung zeigt die Zusammenhänge zwischen Hitze und Aufnahmen bzw. Todesfällen im Krankenhaus. Diese Ansicht zeigt den prognostizierten Anstieg der Todesfälle in Krankenhäusern in jeder der 32 Versorgungsregionen für den Zeitraum 2065-2075 unter der Annahme, dass Treibhausgasemissionen nicht nennenswert reduziert werden.
Service
ÜBER DIE VISUALISIERUNG
Die interaktive Visualisierung des Complexity Science Hub „Hitze und Gesundheit in Österreich“ finden Sie hier: https://vis.csh.ac.at/heat-protect/?lang=de
Hier finden Sie die Studie, die aktuell als Preprint unter dem Titel „Hospital Evidence on the Health Impacts of Cumulative Heat“ verfügbar ist.
Mehr Informationen zum Projekt „Heat Protect“ finden Sie hier. Heat Protect wird unterstützt von der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft FFG. Weitere Projektpartner sind das Austrian Institute of Technology (AIT), die Medizinische Universität Wien, die Caritas der Erzdiözese Wien, Johanniter Österreich Ausbildung und Forschung, UBIMET, Gesundheit Österreich GmbH (GÖG), sowie das Ludwig Boltzmann Institute Digital Health and Patient Safety.
ÜBER DEN COMPLEXITY SCIENCE HUB
Der Complexity Science Hub (CSH) ist Europas wissenschaftliches Zentrum zur Erforschung komplexer Systeme. Wir übersetzen Daten aus einer Reihe von Disziplinen – Wirtschaft, Medizin, Ökologie, Sozialwissenschaften – in anwendbare Lösungen für eine bessere Welt. Gegründet im Jahr 2016, forschen heute über 70 Wissenschafter:innen am CSH, getragen von der wachsenden Notwendigkeit für ein fundiertes Verständnis der Zusammenhänge, die unserer Gesellschaft zugrunde liegen – vom Gesundheitswesen bis zu Lieferketten. Mit unseren interdisziplinären Methoden entwickeln wir die Kompetenzen, um Antworten auf heutige und zukünftige Herausforderungen zu finden.
Mitglieder des CSH sind AIT Austrian Institute of Technology, BOKU University, Central European University (CEU), IT:U Interdisciplinary Transformation University Austria, Medizinische Universität Wien, TU Wien, TU Graz, Universität für Weiterbildung Krems, Vetmeduni Wien, WU (Wirtschaftsuniversität Wien) und Wirtschaftskammer Österreich (WKO).


