Forschende des Complexity Science Hub (CSH) und des Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII) schätzen, dass die Störungen im Roten Meer die Weltwirtschaft pro Woche eine knappe Dreiviertelmilliarde US-Dollar kosten. Eine weitere Eskalation könnte die Verluste noch erhöhen, ein Großteil der Folgen ist durch Umleitungen des Schiffsverkehrs aber bereits aufgefangen worden.
[Wien, 05.11.2026] Seit Ende 2023 erschweren Angriffe der Huthi auf Handelsschiffe den Transit durch die Meerenge Bab al-Mandab. Viele Reedereien leiten ihre Schiffe deshalb um das Kap der Guten Hoffnung um. Die Entwicklungen im Jemen haben die Sorge vor weiteren Störungen in Bab al-Mandab verstärkt. Die Meerenge verbindet das Rote Meer mit dem Golf von Aden und ist der Zugang zum Suezkanal. Forscher des Complexity Science Hub (CSH), des Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII) (ASCII) und der TU Delft haben ein agentenbasiertes Modell des weltweiten Schiffsverkehrs entwickelt, um die wirtschaftlichen Folgen dieser Störungen abzuschätzen. Außerdem berechneten sie die Verluste für Szenarien, in denen die Huthi ihre Angriffe ausweiten.
Die Ergebnisse wurden im Policy Brief „Economic impact of reduced shipping due to recent developments in the Middle East“ veröffentlicht.
Die Ergebnisse wurden im Policy Brief „Economic impact of reduced shipping due to recent developments in the Middle East“ veröffentlicht.
WELTWEITE VERLUSTE VON 710 MILLIONEN US-DOLLAR PRO WOCHE
Die Forscher beziffern den weltweiten Verlust auf 710 Millionen US-Dollar pro Woche bei einem Rückgang des Schiffsverkehrs durch Bab al-Mandab um 55 % gegenüber 2023. Höhere Versicherungsprämien verteuern die Durchfahrt durch das Rote Meer, sodass immer mehr Schiffe den Umweg um das Kap der Guten Hoffnung nehmen. Die längeren Routen verlängern die Transportzeiten, und die Verzögerungen summieren sich, weil sich die Störungen im globalen Schifffahrtsnetz fortpflanzen. Den mit Abstand größten Anteil an den gesamtwirtschaftlichen Kosten haben daher die Verluste durch Lieferrückstände, also die Kosten verspäteter Importe.

Geographic position of Mayun, Bab el-Mandeb and the route of the East-West pipeline.
ZUSÄTZLICHE VERLUSTE DURCH EINE WEITERE ESKALATION OHNE VOLLSTÄNDIGE BLOCKADE WÄREN VERGLEICHSWEISE GERING
Die Forscher berechneten auch die Verluste für den Fall, dass sich die Lage weiter zuspitzt und eine neue Welle von Huthi-Angriffen den Transit um weitere 20 % senkt. In diesem Szenario würden die weltweiten wirtschaftlichen Verluste um geschätzte 310 Millionen US-Dollar pro Woche steigen, zusätzlich zu den derzeitigen 710 Millionen US-Dollar. „Die zusätzlichen Verluste wären geringer als jene der bisherigen Störungen, weil ein Großteil der Anpassung schon stattgefunden hat: Viele Schiffe wurden angesichts der Sicherheitsrisiken und der höheren Versicherungsprämien bereits umgeleitet“, erklärt Mitja Devetak, PhD-Student am CSH und Co-Autor des Policy Briefs. Um die Belastung von 310 Millionen US-Dollar pro Woche einzuordnen: Würden diese zusätzlichen Verluste ein Jahr lang anhalten, entspräche das 0,013 % des weltweiten BIP.
Die wirtschaftlichen Folgen würden sich außerdem erst mit Verzögerung zeigen. Den Berechnungen zufolge werden die Verluste etwa sechs bis acht Wochen nach Beginn einer Störung sichtbar. So lange dauert es, bis sich die Verzögerungen im Schiffsverkehr über die globalen Lieferketten ausbreiten.
Bei einer vollständigen Blockade der Meerenge Bab al-Mandab (ein Rückgang des Transits um 100 %) fallen die Kosten deutlich höher aus. Die Forschenden haben ein vierwöchiges Blockadeszenario untersucht und simuliert, welche wirtschaftlichen Gesamtkosten entstehen, wenn alle Schiffe umgeleitet werden müssen. Auf dem Höhepunkt könnten die Verluste für die Weltwirtschaft bis zu 2 Milliarden US-Dollar pro Woche betragen.
Die wirtschaftlichen Folgen würden sich außerdem erst mit Verzögerung zeigen. Den Berechnungen zufolge werden die Verluste etwa sechs bis acht Wochen nach Beginn einer Störung sichtbar. So lange dauert es, bis sich die Verzögerungen im Schiffsverkehr über die globalen Lieferketten ausbreiten.
Bei einer vollständigen Blockade der Meerenge Bab al-Mandab (ein Rückgang des Transits um 100 %) fallen die Kosten deutlich höher aus. Die Forschenden haben ein vierwöchiges Blockadeszenario untersucht und simuliert, welche wirtschaftlichen Gesamtkosten entstehen, wenn alle Schiffe umgeleitet werden müssen. Auf dem Höhepunkt könnten die Verluste für die Weltwirtschaft bis zu 2 Milliarden US-Dollar pro Woche betragen.

Modeled additional global economic losses from increased Houthi activity, estimated using the shipping model TIDES, relative to the existing shipping disruption. The red line shows weekly losses (right axis), while the black line shows cumulative losses from the onset of potential escalation (left axis). Both include cargo delays, higher insurance premiums, and additional operating costs. Note the different axis scales.
ASIATISCHE VOLKSWIRTSCHAFTEN UND DER HANDEL ZWISCHEN EUROPA UND ASIEN AM STÄRKSTEN BETROFFEN
Sowohl die derzeitigen Störungen als auch eine weitere Eskalation dürften asiatische Volkswirtschaften und europäische Importeure besonders treffen. Die Verluste konzentrieren sich auf den Handel zwischen Europa und Asien sowie auf Exporte aus dem Nahen Osten, vor allem bei Rohstoffen, Erdöl und Industriegütern.
· Die aktuellen wöchentlichen Verluste werden auf 110 Millionen US-Dollar in der EU und 171 Millionen US-Dollar in China geschätzt. Durch eine neue Welle von Huthi-Angriffen kämen schätzungsweise weitere 83 Millionen US-Dollar pro Woche in der EU und 57 Millionen US-Dollar in China hinzu.
· Bei Importen von Rohstoffen und Erdölprodukten belaufen sich die aktuellen wöchentlichen Verluste auf geschätzte 67 Millionen US-Dollar in der EU und 151 Millionen US-Dollar in China. Eine weitere Eskalation würde pro Woche zusätzliche 15 Millionen US-Dollar in der EU und 33 Millionen US-Dollar in China kosten.
„Unser Modell zeigt, dass die wirtschaftlichen Folgen über den Energiehandel hinausgehen und eine breitere Palette von Branchen betreffen“, sagt Co-Autor Peter Klimek, Forscher am CSH und ASCII-Direktor. „Kurzfristig bleiben diese wöchentlichen Verluste verkraftbar. Das zeigt, wie widerstandsfähig globale Lieferketten sind und wie gut sie sich an anhaltende Turbulenzen anpassen können. Wenn solche Störungen jedoch andauern und sich im Lauf der Zeit aufsummieren, können selbst scheinbar geringe Verluste zu erheblichem wirtschaftlichem Gegenwind führen.“
Service
ÜBER DEN POLICY BRIEF
Der Policy Brief " Economic impact of reduced shipping due to recent developments in the Middle East" von M. Devetak, J. Verschuur, S. Thurner und P. Klimek wurde am 5. November 2026 veröffentlicht und ist unter folgendem Link verfügbar.
ÜBER DEN COMPLEXITY SCIENCE HUB
Der Complexity Science Hub (CSH) ist Europas wissenschaftliches Zentrum zur Erforschung komplexer Systeme. Wir übersetzen Daten aus einer Reihe von Disziplinen – Wirtschaft, Medizin, Ökologie, Sozialwissenschaften – in anwendbare Lösungen für eine bessere Welt. Gegründet im Jahr 2016, forschen heute über 70 Wissenschafter:innen am CSH, getragen von der wachsenden Notwendigkeit für ein fundiertes Verständnis der Zusammenhänge, die unserer Gesellschaft zugrunde liegen – vom Gesundheitswesen bis zu Lieferketten. Mit unseren interdisziplinären Methoden entwickeln wir die Kompetenzen, um Antworten auf heutige und zukünftige Herausforderungen zu finden.
Mitglieder des CSH sind AIT Austrian Institute of Technology, BOKU University, Central European University (CEU), IT:U Interdisciplinary Transformation University Austria, Medizinische Universität Wien, TU Wien, TU Graz, Universität für Weiterbildung Krems, Vetmeduni Wien, WU (Wirtschaftsuniversität Wien) und Wirtschaftskammer Österreich (WKO).


