Durch das Aufkommen einer Nähmaschine, die Schuhleder verarbeiten konnte, verschwanden insgesamt 153.000 Jobs. Gleichzeitig entstanden jedoch 140.000 neue. Wenig ist darüber bekannt, wie die Beschäftigten diesen Übergang von den alten in die neue Jobs bewältigten. Damit beschäftigte sich Hillary Vipond vom Complexity Science Hub (CSH) in ihrer Studie über einen technologischen Schock im England des 19. Jahrhunderts ‒ und liefert Denkanstöße dafür, wie die Zukunft der Arbeit im KI-Zeitalter aussehen könnte.
[Wien, 28.9.2026] England im 19. Jahrhunderts. Schuhmachen war ein anspruchsvolles Handwerk, das Geschick, Erfahrung und Zeit erforderte. Es war außerdem eine der wichtigsten Industrien Englands. Um 1851 gab es im Land rund 220.000 Schuhmacher. Mit der Erfindung von Nähmaschinen, die Schuhleder verarbeiten konnten und die sich rasch durchsetzten, wurde die Industrie mechanisiert. Das steigerte die Produktivität erheblich – in der gleichen Zeit ließen sich vier- bis achtmal so viele Schuhe herstellen – und veränderte die Branche für immer. Bis 1911 waren zwei Drittel der handwerklichen Schuhmacher verschwunden.
Der Verlust von Arbeitsplätzen ist jedoch nur die halbe Geschichte, sagt Hillary Vipond, Wirtschaftshistorikerin und Postdoc am Complexity Science Hub (CSH). „Historisch haben neue Technologien auch Arbeitsplätze geschaffen, doch über diese Seite der Medaille wissen wir sehr wenig.“
Der Verlust von Arbeitsplätzen ist jedoch nur die halbe Geschichte, sagt Hillary Vipond, Wirtschaftshistorikerin und Postdoc am Complexity Science Hub (CSH). „Historisch haben neue Technologien auch Arbeitsplätze geschaffen, doch über diese Seite der Medaille wissen wir sehr wenig.“
Anhand englischer Zensusdaten von 1851 bis 1911 – und somit über den gesamten Verlauf der Mechanisierung der Schuhmacherei hinweg – hat Vipond quantifiziert, wie viele Jobs verloren gingen und geschaffen wurden.
NEUE ARBEITSPLÄTZE ENTSTANDEN, ABER NUR AN WENIGEN ORTEN
Die Wissenschafterin stellte einen relativ geringen Nettoverlust an Arbeitsplätzen fest; zudem verblieben die bereits tätigen Schuhmacher größtenteils in ihrem Beruf: „Zu meiner Überraschung wurden sie weder aus ihren Jobs gedrängt, noch zogen sie dorthin, wo neue entstanden.“ Stattdessen verschwand ihr Handwerk mit der Zeit, weil die jüngere Generation nicht mehr nachrückte, sondern in neue Tätigkeitsfelder vorrückte.
Vipond ermittelte, dass im Zuge der Mechanisierung 153 000 traditionelle Schuhmacherstellen überflüssig wurden. Im selben Zeitraum entstanden 140 000 neue Jobs, etwa in der Maschinenbedienung, im Verkauf, im Management, in der Verwaltung und in spezialisierten Tätigkeiten, die Teil des neuen Produktionsprozesses wurden.
Die neuen Stellen standen jedoch nicht allen gleichermaßen offen. Mit der Verlagerung der Branche in die Fabrik konzentrierten sie sich zunehmend dort, wo große Fabriken gebaut wurden. „44 Prozent der neuen Arbeitsplätze entstanden in nur zwei Grafschaften: Northamptonshire und Leicestershire“, berichtet Vipond. Sie gingen zudem überwiegend an junge Beschäftigte.
VOR ALLEM JÜNGERE PASSTEN SICH AN
Vipond verfolgte individuelle Berufsbiografien und sah, dass die etablierten Handwerker größtenteils weder ihren Job verloren noch ihren Wohnort verließen, um in der Fabrik zu arbeiten. Das stellte Vipond zunächst vor ein Rätsel: „Wie konnten so viele Arbeitsplätze verloren gehen, wenn die meisten Menschen, die bereits als Schuhmacher tätig waren, ihren Beruf gar nicht aufgeben mussten?“
Die Antwort fand Vipond bei den jüngeren Alterskohorten: „Junge Menschen sind nicht mehr in das sterbende Handwerk eingestiegen. In diesen Jahrgängen ist der Zugang massiv eingebrochen.“
Das bedeutet, dass die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt – sowohl beim Wegfall als auch bei der Entstehung von Stellen – größtenteils von jungen Menschen getragen wurden. Die neuen Stellen wurden von jungen Leuten besetzt, wenn auch vor allem von jenen, die aus den Grafschaften stammten, wo die neue Arbeit entstand. Der Zugang zu den neuen Arbeitsplätzen war somit äußerst ungleich verteilt.
FRAUEN IM NACHTEIL
Warum aber wurden die etablierten traditionellen Schuhmacher durch die neuen Nähmaschinen nicht sofort überflüssig? „Die Mechanisierung hat das ursprüngliche Produkt tatsächlich nicht vollständig ersetzt“, sagt Vipond. Fabrikgefertigte Schuhe waren günstig, doch es gab weiterhin Nachfrage nach hochwertigen handgefertigten Schuhen. „Sie waren ein Premiumprodukt, das wohlhabende Bevölkerungsgruppen weiterhin zu kaufen bereit waren“, so Vipond. „Und dadurch hielt sich das Handwerk. Die Daten zeigen deutlich, dass traditionelle Schuhmacher in wohlhabenderen Gegenden überrepräsentiert waren.“
Dabei gab es allerdings deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede. Die meisten Frauen in der Branche waren jene, die die Lederteile von Hand zusammennähten. Die neuen Maschinen ersetzten sie vollständig. Nahezu ebenso viele neue Stellen für Frauen entstanden zwar, doch diese gingen an junge Frauen in Northamptonshire und Leicestershire. Männer hingegen verfügten über ein breiteres Aufgabenspektrum und Fähigkeiten, die weiterhin gefragt waren.
WAS KÖNNEN WIR AUS DER GESCHICHTE LERNEN?
In den letzten dreihundert Jahren haben neue Technologien Millionen von Arbeitsplätzen überflüssig gemacht. Gleichzeitig entstanden jedoch neue Berufe, die wiederum auch neue Fähigkeiten erforderten. „Laut Ergebnissen von Forschenden am MIT gab es rund 60 Prozent aller heutigen Berufsbezeichnungen in den USA im Jahr 1940 noch nicht. Weil neue Arbeitsplätze geschaffen wurden, blieben die Menschen beschäftigt“, sagt Vipond.
Was lässt sich aus den Erkenntnissen der Mechanisierung der Schuhmacherei für das heutige KI-Zeitalter lernen? „Die Folgen für Beschäftigte, ihre Familien und auch für ganze Regionen hängen nicht nur davon ab, wie viele Arbeitsplätze durch generative KI verloren gehen. Wie viele Arbeitsplätze entstehen und wo, wird mindestens ebenso wichtig sein“, sagt Vipond. „Was heute anders sein könnte: Zwar werden mit der Verbreitung generativer KI neue Tätigkeiten entstehen, doch es ist eine offene Frage, ob es Menschen sein werden, die sie besetzen“, fährt sie fort. „Zum ersten Mal in der Geschichte besteht die Möglichkeit, dass Maschinen die menschliche Arbeit in neu entstehenden Tätigkeiten fast sofort übernehmen und dieser auch überlegen sind.“
Wen der Wandel am härtesten trifft, hängt laut Vipond auch davon ab, wie schnell sich die neue Technologie durchsetzt. Historisch wurden neue Technologien oft nur allmählich eingeführt. Die Dampfmaschine brauchte Jahrzehnte, um die Wassermühlen in England zu verdrängen, und Dampfschiffe ebenso lange, um Segelschiffe abzulösen. Wenn sich eine neue Technologie nur langsam verbreitet und die Nachfrage nach den älteren Fähigkeiten bestehen bleibt, kann der Beruf aussterben, weil die bereits Beschäftigten altern und junge Generation nicht nachrückt. In diesem Fall sind es junge Leute, die darauf angewiesen sind, dass neue Arbeitsplätze entstehen.
Manche Technologien schlugen jedoch sofort ein. So machte die Umstellung des Telefonbetriebs von manuell auf automatisch in den 1920er-Jahren den Beruf der Telefonistin (es waren fast ausschließlich Frauen) nahezu sofort überflüssig. Die erforderlichen Fähigkeiten einer Telefonistin war allerdings nicht sehr weit entfernt von denen einer Sekretärin und somit konnten sie sich relativ einfach umorientieren.
Sobald wir verstehen, wie rasch generative KI-Technologien breite Aufgaben übernehmen, lässt sich einschätzen, welche Generation die Last des Wandels schultern wird. „KI-Implementierung ist nicht so unkompliziert und wir haben Belege dafür, dass sie eine gewisse Zeit braucht“, sagt die Wirtschaftshistorikerin. „Dennoch dürfte das Tempo des Wandels deutlich höher sein als im 19. Jahrhundert.“
Service
ÜBER DIE STUDIE
Die Studie "Technological Unemployment in Victorian Britain: Young Workers and the Collapse of Entry" von Hillary Vipond finden Sie hier. Sie wurde als Teil der SSRN Working Paper Series publiziert (doi: https://dx.doi.org/10.2139/ssrn.7404339). Hillary Vipond präsentierte die Ergebnisse auf der NBER SI Labor Studies Conference 2026.
ÜBER DEN COMPLEXITY SCIENCE HUB
Der Complexity Science Hub (CSH) ist Europas wissenschaftliches Zentrum zur Erforschung komplexer Systeme. Wir übersetzen Daten aus einer Reihe von Disziplinen – Wirtschaft, Medizin, Ökologie, Sozialwissenschaften – in anwendbare Lösungen für eine bessere Welt. Gegründet im Jahr 2016, forschen heute über 70 Wissenschafter:innen am CSH, getragen von der wachsenden Notwendigkeit für ein fundiertes Verständnis der Zusammenhänge, die unserer Gesellschaft zugrunde liegen – vom Gesundheitswesen bis zu Lieferketten. Mit unseren interdisziplinären Methoden entwickeln wir die Kompetenzen, um Antworten auf heutige und zukünftige Herausforderungen zu finden.
Mitglieder des CSH sind AIT Austrian Institute of Technology, BOKU University, Central European University (CEU), IT:U Interdisciplinary Transformation University Austria, Medizinische Universität Wien, TU Wien, TU Graz, Universität für Weiterbildung Krems, Vetmeduni Wien, WU (Wirtschaftsuniversität Wien) und Wirtschaftskammer Österreich (WKO).
csh.ac.at
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