In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben sich Forschungseinrichtungen weltweit, was ihre Themen betrifft, tendenziell angeglichen. Zudem passen Neuzugänge an Spitzeninstitutionen besonders gut ins bestehende Profil. Das zeigt eine Studie des Complexity Science Hub (CSH).
Wohin Forschende wechseln, bestimmt, welches Wissen wo entsteht – und damit letztlich auch, wo Innovationen entstehen. „Indem sie Forschende anwerben, können Forschungseinrichtungen neues Wissen gewinnen und sich in bestimmte thematische Richtungen entwickeln“, erklärt Vito D. P. Servedio, Senior Scientist am CSH.
Um mehr darüber herauszufinden, wen Institutionen einstellen, wie viel Neues diese Neuzugänge einbringen und wie sich die Institutionen thematisch weiterentwickeln, hat ein Team des CSH, gemeinsam mit der Universität Leiden, den Weg von 9,3 Millionen Forschenden an 3.965 Institutionen weltweit rekonstruiert.
Dazu haben sie mehr als 25 Millionen wissenschaftliche Publikationen unter die Lupe genommen und die Publikationsgeschichte ihrer Autor:innen zwischen 2000 und 2020 verfolgt. Die Studie ist im Fachjournal Scientometrics erschienen.
INSTITUTIONEN WERDEN EINANDER ÄHNLICHER
Als das Team die Forschungseinrichtungen untereinander verglich, zeigte sich, dass sie sich thematisch aneinander angeglichen haben.
Für Servedio war das überraschend: „Ich hätte erwartet, dass sich Institutionen mit eigenen Schwerpunkten eher voneinander abheben. Vielfalt in der Forschung kann wertvoll sein, denn welches Wissen wir morgen brauchen, wissen wir oft nicht“, so der Forscher.
WER WECHSELT, PASST THEMATISCH GUT
Innerhalb der Forschungseinrichtungen zeigt sich, dass neue Forschende meist gut ins bestehende Themenprofil passen. „Die Forschungsthemen der Neuzugänge stimmen sehr stark mit jenen der bereits dort tätigen Wissenschafter:innen überein“, sagt Servedio. Im Mittel liegt diese thematische Übereinstimmung bei 0,84 (auf einer Skala von 0 bis 1). Gemeint ist hier vom Median. Das heißt: Bei der Hälfte der untersuchten Institutionen ist sie noch höher, bei der anderen Hälfte niedriger.
„Wir reden hier nicht von breiten Forschungsfeldern wie ‚Molekularbiologie‘ oder ‚Quantenphysik‘, sondern von sehr kleinteiligen, spezifischen Forschungsthemen“, erklärt Studienautor und CSH-Präsident Stefan Thurner. Zwischen insgesamt 4.163 solcher fein abgegrenzten Forschungsthemen hat das Team hier unterschieden.
TOP-INSTITUTIONEN BLEIBEN BEI IHREN THEMEN
Zudem stellte das Team fest: Je renommierter eine Institution ist, desto besser passen die Neuzugänge zu bereits vorhandenen Themen, und zwar unabhängig davon, ob sie davor mit Kolleg:innen vor Ort zusammengearbeitet haben. Das Renommee einer Institution haben sie dabei daran gemessen, wie hoch ihr Anteil an Publikationen unter den meistzitierten 1% im jeweiligen Themengebiet ist.
„Nach dieser Definition besonders renommierte Institutionen stellen eher Forschende ein, deren Forschungsschwerpunkte sehr stark mit den bereits bestehenden übereinstimmen“, erklärt Thurner.

DIE ROLLE DER ZUSAMMENARBEIT
Betrachtet man nur jene Forschenden, die eine Institution verlassen, liegt die thematische Übereinstimmung bei 0,86 – leicht über der thematischen Übereinstimmung bei Neuzugängen – „was darauf hindeutet, dass sich Forschende während ihrer Zeit an einer Institution thematisch an ihre Kolleg:innen annähern“, so Thurner.
Die Zusammenarbeit scheint dabei eine wichtige Rolle zu spielen. Bei Forschenden, die nie mit Kolleg:innen vor Ort publiziert haben, sinkt die thematische Übereinstimmung auf 0,54 für Neuzugänge und 0,61 für Abgänge. „Ob Zusammenarbeit zu größerer thematischer Übereinstimmung führt oder umgekehrt, können wir nicht sagen. Aber es scheint auf jeden Fall einen Zusammenhang zu geben. Da die Zusammenarbeit etwas ist, das Institutionen fördern können, könnte sie ein Hebel sein, den sie aktiv nutzen können“, sagt Erstautorin Márcia R. Ferreira, die zur Zeit der Analyse am CSH tätig war.
EINE INTERESSANTE AUSNAHME
Bei insgesamt 41% der untersuchten Institutionen passen sowohl Neuzugänge als auch Abgänge besonders gut ins Themenprofil: Beide Werte liegen über dem Median, also über 0,84 für Neuzugänge und über 0,86 für Abgänge. Dazu zählen etwa Ivy-League-Universitäten und europäische Top-Universitäten.
Bei 45% der untersuchten Institutionen liegt die thematische Übereinstimmung sowohl bei Neuzugängen als auch bei Abgängen unter dem Median. Das sind überwiegend Institutionen mit durchschnittlicher oder unterdurchschnittlicher Zitationsleistung – mit einer spannenden Ausnahme. „Das Institute for Advanced Study in Princeton ist hoch zitiert, aber sehr themenoffen. Es setzt auf Gastforschende statt auf fest angestellte Wissenschafter:innen. Das zeigt, dass mehr als ein Modell funktionieren kann und eine hohe Übereinstimmung keine Voraussetzung für exzellente Forschung ist“, sagt Ferreira.
Rund 8% der Forschungseinrichtungen holen eher Forschende mit ergänzenden Themen dazu, während jene, die gehen, gut zu ihren bisherigen Kolleg:innen passen.
Bei 6% ist es umgekehrt: Sie holen eher Forschende, deren Themen stark zu den eigenen passen, und wer geht, forscht eher an anderen Themen als die bisherigen Kolleg:innen.
UNTERSCHIEDE NACH FACHRICHTUNGEN
In Biomedizin und im Gesundheitsbereich, den Lebens- und Erdwissenschaften, sowie Physik, Chemie und Ingenieurwissenschaften ist die Übereinstimmung etwas höher. In Sozial- und Geisteswissenschaften, Mathematik und Informatik ist sie niedriger. „Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass dort häufiger allein oder in kleinen Teams gearbeitet wird und es keine gemeinsame Laborinfrastruktur gibt“, so Ferreira.
NÄHE MIT MAß
Thematische Nähe innerhalb einer Institution hat Vorteile: Frühere Studien zeigen, dass Forschende mit einer gemeinsamen Wissensbasis effektiver voneinander lernen und produktiver sein können. Zu viel Ähnlichkeit könne Innovation aber auch bremsen, so das Team. Mit jeder Neubesetzung entscheiden Forschungseinrichtungen auch darüber, ob sie ihre bestehenden Stärken ausbauen oder neue Themen ins Haus holen.
„Mithilfe unserer Methode lässt sich in großem Maßstab messen, welchen Weg eine Institution tatsächlich einschlägt. Hochschulleitungen, Fördergebende und die Wissenschaftspolitik könnten damit prüfen, ob ihre Berufungsstrategien zu ihren Zielen passen, und bei Bedarf gegensteuern“, so Thurner.
Service
ÜBER DIE STUDIE
Die Studie “Scientific mobility, prestige and topic alignment in research institutions” von M. R. Ferreira, R. Costas, V. D. P. Servedio und S. Thurner wurde in Scientometrics veröffentlicht (doi: 10.1007/s11192-026-05815-7)
ÜBER DEN COMPLEXITY SCIENCE HUB
Der Complexity Science Hub (CSH) ist Europas wissenschaftliches Zentrum zur Erforschung komplexer Systeme. Wir übersetzen Daten aus einer Reihe von Disziplinen – Wirtschaft, Medizin, Ökologie, Sozialwissenschaften – in anwendbare Lösungen für eine bessere Welt. Gegründet im Jahr 2016, forschen heute über 70 Wissenschafter:innen am CSH, getragen von der wachsenden Notwendigkeit für ein fundiertes Verständnis der Zusammenhänge, die unserer Gesellschaft zugrunde liegen – vom Gesundheitswesen bis zu Lieferketten. Mit unseren interdisziplinären Methoden entwickeln wir die Kompetenzen, um Antworten auf heutige und zukünftige Herausforderungen zu finden.
Mitglieder des CSH sind AIT Austrian Institute of Technology, BOKU University, Central European University (CEU), IT:U Interdisciplinary Transformation University Austria, Medizinische Universität Wien, TU Wien, TU Graz, Universität für Weiterbildung Krems, Vetmeduni Wien, WU (Wirtschaftsuniversität Wien) und Wirtschaftskammer Österreich (WKO).
csh.ac.at
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